Zum MenuVoriger AbschnittGesprochene SpracheUmschriftensysteme

Die Geschichte der chinesischen Schrift

Orakelknochen Bronzen

An einem Sommertag des Jahres 1899 ging der Schriftsteller und Forscher Liu E zur Apotheke, um für seinen Freund Wang Yirong, der an Malaria erkrankt war, eine Arznei zu besorgen. Die Arznei enthielt einen zur damaligen zeit üblichen Bestandteil, sogenannte "Drachenknochen". Liu E schaute beim Zermahlen zu und entdeckte zu seiner Verwunderung, daß sich auf den Knochenstücken eine Art Schrift befand, die zwar vertraut wirkte, die er aber dennoch nicht zu lesen vermochte.

Sobald Wang Yirongs Fieberanfall vorbei war, machten sich die beiden Freunde auf, alle "Drachenknochen", derer sie in den Apotheken Beijings habhaft werden konnten, aufzukaufen. Sie entdeckten auf den Knochenstücken 1085 Inschriften in archaischen Zeichen, die älter waren", als alle bisher bekannten chinesischen Schriften. Es stellte sich heraus, daß die "Drachenknochen" Schildkrötenpanzer oder Schulterblätter von Rindern oder anderen Haustieren waren, auf denen man in der Shang- und Zhou- Zeit Fragen nach dem Jagdglück oder dem Willen der Götter aufgezeichnet, und die Panzer sodann mit heißen Metallgegenständen gebrannt hatte, um aus den entstehenden Sprüngen die Antworten zu lesen.

Die Vorderseite eines Schildkrötenpanzers, dem man zum orakeln benutzt hatte. Die Markierungen rühren von Archäologen, die sich bemühen, die Aufzeichnungen zu enträtseln.

Die Rückseite desselben Panzers. Man hatte auf der Rückseite kleine Vertiefungen in den Panzer gebohrt, die bis auf ca. 0,5mm an die Oberfläche herankamen. An diese Löcher hielt man bei der Weissagung eine heiße Metallnadel, wobei die punktuelle Hitze den Knochen springen ließ.Aus den Sprüngen konnte man die Antwort auf die Fragen lesen, die man vor der Prozedur laut gestellt hatte. Erst nachträglich wurden die Fragen und die Antworten, manchmal auch ein Vermerk, ob sich die Weissagung bewahrheitet hatte oder nicht, aufgeschrieben.

Da bei vielen Zeichen die Grundform noch erkennbar ist, kann man heute ca. 70% der Zeichen auf Orakelknochen entziffern und die Texte lesen. Das Schriftzeichen ma Ma - Pferd entwickelte sich z.B. von einem vereinfachten Bild (Pictogramm) eines Pferdes zu seiner heutigen Form. Dabei durchlief es die folgenden Schritte:

Die Entwicklung des Zeiches für Pferd
Die Etymologie des Zeichens ma von seinen frühesten Formen bis heute.

Während man bei der frühen Form des Zeichens mit wenig Phantasie ein Pferd erkennen kann, muß man bei seiner letzten Ausprägung schon gehörig abstrahieren, um wenigstens die Mähne ausmachen zu können. Auf den Schildkrötenpanzern sahen die Zeichen für konkrete Gegenstände noch recht deutlich aus, aber wenn es um die Darstellung abstrakterer Sachverhalte ging, benutzte man Zeichen, die wir heute nicht mehr deuten können: wie würde man wohl "Liebe" oder "Übermorgen" malen?


Die Evolution einiger Zeichen. Oben die älteste, unten die heutige Form.

Bronzen GeschichteOrakelknochenGesprochene Sprache

Bronzetiger: Gefäß für den Opferwein Bei den Ausgrabungen vor Anyang in den Jahren 1928 bis 1937 kümmerte man sich vor allem um Orakelknochen. Man fand aber auch Bronzegerät, das erstaunlich kunstfertig gearbeitet war. Dieses Bronzegerät wurde im Allgemeinen für Opferzeremonieen benutzt, bei denen man den Geistern der Ahnen Fleisch, Wein und Leckereien anbot, um sie günstig zu stimmen.
Chinesische Intellektuelle hatten seit der Song-Dynastie (960-1279) antikes Bronzegerät gesammelt - unter anderem, um die darauf befindlichen Inschriften zu studieren. Bis zur Entdeckung der Orakelknochen waren die auf den Bronzen vorkommenden Zeichen die einzigen, die Ursprung und Entwicklung der Schrift zu erhellen vermochten. Nach dem Niedergang der Shang- Dynastie hörte das Wahrsagen mit Hilfe von Orakelknochen fast völlig auf. Aber weitere achthundert Jahre pflegte man den Brauch, zu Ehren der Ahnen Bronzen zu gießen. Während dieser langen Zeit wurde die Form der Bronzezeichen vereinfacht, und gegen Ende der Zhou- Dynastie war in vielen Fällen das deutliche Bild der Ursprungszeit verschwunden. Opfergefäß mit Reliefschrift

Zum MenuVoriger AbschnittGesprochene SpracheUmschriftensysteme



Beiträge, Kommentare und Anregungen bitte an Chinalink.de.
Zuletzt geändert am 14.07.2006
von Wolfgang Odendahl für Chinalink
Impressum AGB